Eine Träne für Beton: Das Ende des Kaiserbaus

Zehn Jahre Kaiserbau-Sprengung: Sentimentale Gedanken zum Verschwinden der Bauruine am nördlichen Ende von Troisdorf Sieglar

von André Ohren

Der ehemalige Kaiserbau in Troisdorf Sieglar vor der Sprengung am 13. Mai 2001.

Sieglar. Wenn mit dem Wumms am Sonntagmorgen (13. Mai 2001) der Kaiserbau verschwindet, dann werde ich zugegebenermaßen ein bisschen traurig sein. Nicht dass ich große Betonruinen prinzipiell erhaltenswert finde. Aber was Manchem von Anfang an ein hässlicher Betonklotz war, das war für uns der schönste Spielplatz der Welt. Damals in den 70ern.


1973 war ich gerade 10 Jahre alt geworden. Im Fernsehen liefen die Bilder vom Ende des Vietnamkrieges, als sich am nördlichen Ende Sieglars etwas tat. Kräne, so groß, wie wir sie noch nie zuvor gesehen hatten wurden aufgerichtet. Bald sahen wir die ersten Betonschichten in den Himmel wachsen. Wir, das waren die Kinder aus Sieglar, Oberlar, Spich und Kriegsdorf, für die die Welt noch enge Grenzen hatte.


Ende der Welt

Dieser Bau am vorläufigen Ende unserer Welt hatte von Anfang an etwas verlockendes. Er war weiter entfernt, als andere Spielorte, und schon sein Name – er hieß von Anfang an „Kaiserbau“ – klang nach etwas Großem und Erhabenem. Der direkte Weg zu ihm führte von Sieglar aus über eine lange Straße mitten durch weiten Felder, vorbei an einer alten Scheune und an einer vergammelten Siedlung, die „Magdalena“ genannt wurde.
Uns Kinder zog die Baustelle magisch an. Wann wir anfingen, die Eltern-haften-für-ihre-Kinder-Umzäunung zu missachten und das werdende Ding zu betreten, weiß ich nicht mehr. Vielleicht erst, als es aufhörte zu werden. Denn eines Tages, der Rohbau stand, endete das eifrige Treiben um den Kaiserbau abrupt. Die Buden der Arbeiter standen plötzlich ausgeplündert leer und sahen aus wie ein von einer heimtückischen Krankheit heimgesuchtes Dorf, dessen Bewohner fluchtartig das Weite gesucht hatten. Die Welt, die wir nun betraten, war eine gefährliche. Ein falscher Schritt und man fiel, fiel, fiel…zum Beispiel durch einen der vielen durch alle Etagen reichenden Schächte für Aufzüge, Rohre und Leitungen, die nur provisorisch mit Styropor ausgefüllt waren.

Lust am Verbotenen

Wenn unsere Mütter gesehen hätten, wo wir uns rumtrieben…. Aber mit jeder Etage, die wir über die offenen Treppenhäuser nach oben liefen, immer bedacht, dem Abgrund nicht zu Nahe zu kommen, wurde unser Abenteuerdrang größer. Wer schließlich das Dach betrat, der fühlte alle kindliche Last von seinen Schultern fallen. Wie Kapitäne auf einem großen Schiff fühlten wir uns und blickten stolz und befreit in die Ferne, sahen Köln, Bonn, den Michelsberg in Siegburg und das Siebengebirge. Was waren die Probleme in der Schule oder zu Hause gegen dieses Erlebnis? Nichts!


Alle Versuche der Behörden, die Zugänge zu den Treppenhäuser zu vermauern und dadurch einen Aufstieg unmöglich zu machen, nutzten nichts. Bald waren sie wieder aufgestemmt.

Selbstmörder entdeckten die Vorzüge des frei zugängigen 60 Meter hohen Betonturms. Wir haben nie einen gesehen, malten uns aber lebhaft aus, wie ihre Körper auf den Betonplatten zerschlugen. Wir dagegen wollten leben und ein paar Stunden auf der Bauruine, waren für uns die intensivste Form des Lebens. Der Kaiserbau, das war für uns Herausforderung, Nervenkitzel, die Lust am Verbotenen und vor allem die große Freiheit.
Die Jahre vergingen, und die graue Ruine stand da wie ein Wächter über uns und unsere Ideale. Unsere Ideen wurden skurriler. Zweimal schleppten wir große, ausrangierte Fernsehapparate unter großer Mühe aufs Dach, stellten sie auf die Abgrenzung, ließen sie überkippen und sahen sie mit Glücksgefühlen am Boden zerplatzen. Der weiße Schleiflack-“Nordmende“ war ein besonderes Fest.

Dann verlor der Turm am Ende der langen schmalen Straße langsam an Anziehungskraft. Wir gingen nun in Jugendzentren, hörten Mike und Sally Oldfield, Supertramp oder Frank Zappa. Mädchen forderten mehr und mehr unsere Aufmerksamkeit. Bald sollten wir gegen Atomkraft und Nato-Doppelbschluss demonstrieren. Vereinzelt gab es noch rebellische Happenings auf dem Kaiserbau. Joints kreisten.


Elefantenartige Patina

Schule und Beruf sorgten dafür, dass sich unsere Wege trennten. Die Freunde, mit denen man sich in den Labyrinthen des Kaiserbaus auf ewig verbunden glaubte, wurden einem fremd. Der Nachbarsjunge, mit dem ich ihn das erste Mal betrat lebt heute nicht mehr. Ein anderer ging nach Hamburg und machte eine Urschrei-Therapie.

Der Betonberg bekam über die Jahre etwas von einem alten Baum, etwas also, das nie und nimmer verrückt oder entfernt werden könnte und sollte. Sein Beton wurde dunkelgrau und bekam eine elefantenartige Patina. Wann ich das letzte Mal auf ihm gestanden habe, weiß ich heute nicht mehr. Aber eins weiß ich: Ich werde die Augenblicke nie vergessen. Und ich werde den Kaiserbau vermissen.

Eine schöne Fotoserie zum Kaiserbau hat A. W. Hillgemann auf seiner Seite www.auge-und-ohr.de veröffentlicht. Aus der Serie stammt auch das Bild zum Artikel.

Einen schönen Film über die Sprengung gibt es hier auf YouTube. Er ist zwar wg. der Musik von der GEMA blockiert, aber dafür gibt es ja Proxtube.

Der Text enstand im Sommer 2001 anlässlich der bevorstehenden Sprengung des Kaiserbaus und war im Rhein-Sieg-Anzeiger veröffentlicht.